Düsseldorf (energate) - Deutschland muss 1 Billion Euro zusätzlich zum Erreichen der Klimaneutralität 2045 aufbringen. Dazu kommen 5 Billionen Euro für die Instandhaltung bestehender Infrastruktur sowie Ersatzinvestitionen, etwa in ein E-Auto anstatt in einen Verbrenner. Das sind Ergebnisse einer neuen Studie der Berater von McKinsey. Die Summe entspreche jährlichen Investitionen von rund 240 Mrd. Euro oder circa sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Allerdings können die 6 Billionen Euro laut den Autoren kostenneutral aufgebracht werden, das heißt zu gesamtgesellschaftlichen Netto-Null-Kosten. Der Grund: Die Einsparungen durch den Klimaschutz bis zum Jahr 2045 gleichen die anfallenden Kosten für die Dekarbonisierung aus.
Das geschieht jedoch nicht automatisch. Damit Deutschland tatsächlich nicht draufzahlt, seien die kommenden zehn Jahre entscheidend. In diesem Zeitraum müsse der Umstieg auf grüne Technologien in allen Wirtschaftssektoren und Lebensbereichen teils massiv beschleunigt werden: im Vergleich mit den letzten 30 Jahren um das Dreifache, in manchen Sektoren sogar um das Zehnfache. Konkret untersuchte McKinsey die Sektoren Energie, Industrie, Verkehr, Gebäude und Landwirtschaft, die für 99 Prozent der Treibhausgasemissionen verantwortlich seien.
650.000 MW Erneuerbare nötig
Insgesamt zehn Vorschläge legen die Berater der - künftigen - Bundesregierung ans Herz. So müsse beispielsweise die Grünstromkapazität auf bis zu 650.000 MW ausgebaut und zugleich das Stromnetz um 25 Prozent erweitert werden. Von zentraler Bedeutung seien außerdem mehr Energiespeicher und ein intelligentes Lastmanagement. Die Voraussetzung dafür bilden aber beschleunigte Genehmigungsverfahren, etwa von Windkraftanlagen.
Der Mobilitätssektor müsse zudem vollständig emissionsfrei werden. Dazu notwendig sei zum einen ein flächendeckender Einsatz von Elektro- und Wasserstoffantrieben im Individual- und Güterverkehr sowie alternativer, synthetischer Brennstoffe im Luftverkehr. Allein an Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge würden bis 2030 rund 2.000 neue Ladepunkte benötigt - pro Woche.
Ausreichen werde das alles aber noch nicht. Die Menschen müssten zusätzlich stärker sogenannte Micro-, Smart- und Shared-Mobility-Konzepte nutzen, wie zum Beispiel E-Scooter. Und auch autonome Fahrzeuge, deren Entwicklung aktuell noch in den Kinderschuhen steckt, würden benötigt, damit die Rechnung am Ende aufgeht. Denn ihr Einsatz sei erforderlich, um die Ressourcenproduktivität zu erhöhen, heißt es.
Sorgenkind Gebäudebestand
Sorgenkind im Gebäudesektor ist der Bestand. Diesen gelte es komplett zu modernisieren, schreibt McKinsey. Fossil befeuerte Wärmequellen seien konsequent durch nachhaltige Technologien wie Wärmepumpen und Fernwärme zu ersetzen. Industriebetriebe müssten darüber hinaus künftig vor allem auf "grüne Materialien" setzen und zur Herstellung ihrer Produkte beispielsweise grünen Wasserstoff nutzen. Etwas leichter ist es für die Landwirte, die bei der CO2-Reduktion vor allem schon existierende Technologien wie anaerobe Güllevergärung in Biogasanlagen verwenden könnten.
"Vor uns als Industrie- und Exportnation liegt eine der wichtigsten und komplexesten Transformationen, die wir je erlebt haben", so McKinsey. Aber: Die Klimawende könne gelingen und sei trotz aller Herausforderungen eine Wachstumschance. Die Studie "Net-Zero Deutschland - Chancen und Herausforderungen auf dem Weg zur Klimaneutralität bis 2045" ist online als PDF verfügbar. /dz